Aus den Mitteilungen


Herr Perfesser – Professor Richard Wossidlo (1859 – 1939)

 

Es ist in erster Linie ihm zu verdanken, dass Mecklenburg eine der am besten ethnografisch erforschten Landschaften Deutschlands ist. Es gibt wohl kaum ein Dorf, in welchem Richard Wossidlo nicht war, seinem Stande entsprechend gekleidet; mit Hut, steifem Kragen, Krawatte, kompletten Anzug und, nicht zu vergessen, mit brettsteif gestärkten Ärmelmanschetten. Und doch verstand er es wie kaum ein anderer, die einfachen Menschen, Landarbeiter, Handwerker und Seeleute vor allem, zum Sprechen zu bringen. Sie fühlten sich von ihm ernst genommen, und so breiteten sie ihr ganzes Wissen, die Überlieferungen von Sagen, Reimen, Liedern und Tänzen, plattdeutsche Namen von Pflanzen und Tieren, von Arbeitsgeräten, Sitten und Gebräuche, ja sogar abergläubische Vorstellungen und ihre Lebenserfahrungen und –ansichten buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre vor dem Forscher aus. Was ihm berichtet wurde, notierte der „Perfesser“, wie er liebevoll genannt wurde, auf ungefähr zwei Millionen von Zetteln, die erhalten sind, zur Not aber auch auf seinen Manschetten, wenn er fürchtete, dass die nicht immer im Lesen und Schreiben versierten Erzähler beim Anblick des Papiers ihre Unbefangenheit verlieren würden. Für diese Sammeltätigkeit nutzte Wossidlo, der sein Brot als Gymnasiallehrer in Waren an der Müritz verdiente, während vieler Jahrzehnte seine Ferien, in denen er von Dorf zu Dorf wanderte, bis es Alter und Gesundheit nicht mehr zuließen. Auf diese Weise sammelte er zum Beispiel etwa 14 000 Sagen!

Geboren wurde Richard Wossidlo am 26. Januar 1859 in Friedrichshof bei Tessin, wo sein Vater ein Gut besaß. Schon als sehr junger Mensch begann er mit dem Sammeln von Volksüberlieferungen, von Waren aus immer größere Kreise ziehend. Die Anregungen hierfür hatte er von dem Kuhfütterer Anders auf Gut Körkwitz bei Ribnitz erhalten, der dem Kind, das nach dem frühen Tod des Vaters dort die Ferien bei Verwandten verbrachte, Sagen und Geschichten erzählte und somit den Keim für ein überragendes Forscherleben legte.

Aber nicht nur der mündlichen Überlieferung galt sein Interesse, sondern er sammelte auch die Zeugnisse der materiellen Kultur wie Trachten, Mobiliar und Arbeits- und Wirtschaftsgeräte, mit denen er dann sein Haus in Waren vollstopfte. Schon 1922 kam diese Sammlung nach Schwerin und fristete dort ein durch Umzüge geprägtes Dasein, bis wenige Jahre vor Wossidlos Tod im Schloss ein Bauernmuseum eingerichtet wurde, bei dessen überstürzter Räumung 1945 der überwiegende Teil der mehr als dreieinhalbtausend Exponate verloren ging. Die geretteten Stücke befinden sich heute im Mecklenburgischen Volkskundemuseum in Schwerin-Mueß.

Doch der Weg der öffentlichen Anerkennung der Arbeit Wossidlos war lang. Noch ein 1892 an den Landtag gestellter Antrag auf eine Unterstützung zur Herausgabe der „Mecklenburgischen Volksüberlieferungen“ wurde abschlägig beschieden mit der Begründung, dass eine „Schnurren- und Anekdotensammlung“ kaum unterstützenswert sei. Wossidlo setzte sich publizistisch zur Wehr, und seine zähe Ausdauer gab ihm recht. Er gewann aber auch im ganzen Land hilfreiche Mitstreiter, die sein unermüdliches Wirken unterstützten. Nach und nach wuchsen Anerkennung und auch Bewunderung im In- und Ausland. Auf äußerliche Ehrungen legte er nicht allzuviel Wert. Die Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag in Rostock genügten ihm für sein weiteres Leben. An seinem 75. ließ er die Feiernden unter sich und verbrachte den Tag allein in Eisenach, wo er am Morgen am Grabe Fritz Reuters einen Kranz niederlegte .....

Doch Wossidlo sammelte nicht nur, er brachte seine erworbenen Schätze in zahlreichen Veröffentlichungen buchstäblich unters Volk. Aus den Überlieferungen zu besonderen Festen und den Bräuchen zum Jahreswechsel stellte er Theaterstücke zusammen, die von zahlreichen plattdeutschen und Liebhaberbühnen aufgeführt wurden und das erwachte Interesse an der Volkskunde der eigenen Landschaft förderten. Auch damals neue Medien wie den Rundfunk

nutzte er für Vorträge zu Sitten und Gebräuchen. Dass seine in vielen Jahrzehnten zusammengetragenen Forschungsergebnisse dem III. Reich teilweise - die slawischen Wurzeln in der mecklenburgischen Ethnografie sind nicht zu übersehen - in dessen Blut-und-Boden-Ideologie passten und auch zu diesem Zwecke missbraucht wurden, konnte Wossidlo nicht verhindern. Mit der Errichtung des „Bauernmuseums“, das auch mit seinem Namen verknüpft wurde, wurde zudem die Last der Verantwortung für den Erhalt des Kulturgutes von ihm genommen; das Schicksal der Sammlung in den Nachkriegswirren brauchte er nicht mehr erleben. Seine Aufzeichnungen, die Millionen kleiner Zettel, die er der Universität Rostock testamentarisch vermacht hatte, wurden nach seinem am 4. Mai 1939 erfolgtem Tode nach Schwerin gebracht, kehrten nach dem Krieg aber nach Rostock in die eigens geschaffene „Wossidlo-Forschungsstelle für mecklenburgische Volkskunde“, die der Akademie der Wissenschaften der DDR unterstand, zurück. Ihr erster Leiter wurde einer der engsten Mitarbeiter Wossidlos, Dr. Paul Beckmann. In den nachfolgenden Jahrzehnten erfolgten zahlreiche Veröffentlichungen und Neuauflagen, die auf den Forschungen Wossidlos basierten. Nach einigem Hin und Her nach 1990 wurde die Forschungsstelle der Universität Rostock zugeordnet; da hatte sie schon den größten Teil ihrer Mitarbeiterstellen verloren.

 

Mit zunehmenden Alter waren die Reisen übers Land zu beschwerlich für Wossidlo geworden. Doch der Rastlose gab nicht auf und betrieb jetzt mit Feuereifer die Herausgabe des „Mecklenburgische Wörterbuches“, dessen erste Bände er noch in den Händen halten konnte. Über die Fährnisse der Teilung Deutschlands und die des „Eisernen Vorhangs“ hinweg gelang es, bis 1992 in deutsch-deutscher Zusammenarbeit (Erarbeitung in Rostock, Druck in Neumünster) die Herausgabe des Werkes zu vollenden.

Auch in das Fürstentum Ratzeburg mit seiner reichen bäuerlichen Kultur hatte Wossidlo früh den Weg gefunden. Er sammelte auch hier wie überall im Lande Überlieferungen und auch Sachgüter, bis 1901 der Altertumsverein, der spätere Heimatbund, gegründet wurde. Da zog er sich zurück. Aber mit Fritz Buddin verband ihn eine lebenslange achtungsvolle Freundschaft, die aus gegenseitigem Geben und Nehmen bestand. Führten Wossidlo Reisen in die Nähe Schönbergs – er hatte in Rehna einen umfangreichen Kreis von Helfern -, so versäumte er nie, Buddin aufzusuchen. Auch bei der Einrichtung des „neuen“ Museums im alten Mädchenschulhaus an der Kirche gab er manchen wertvollen Hinweis. Zur Eröffnung Pfingsten 1931 kam er allerdings nicht, sondern erst, nachdem aller Trubel vorbei war.

Im Bestand der Schönberger Sammlung haben sich Postkarten Wossidlos an Buddin erhalten, die mit der raumgreifenden Schrift, die nur für wenige Zeilen Platz ließ, und bei aller Kürze doch die enge Verbindung dieser Männer erkennen lassen, die beide wussten, dass mit der zunehmenden Technisierung aller Lebensbereiche den alten Überlieferungen und der traditionellen Lebensweise mit allen ihren Zeugnissen die Grundlagen ihrer lebendigen Existenz entzogen wurden. Wossidlo, Teuchert, Blankenburg, Buddin, Baumgarten, Gundlach, Neumann und viele andere, oft namenlos gebliebene Helfer – sie alle haben durch unermüdliches Forschen dazu beigetragen, dass das Wissen über die Schätze der mecklenburgischen Volkskultur nicht der Vergessenheit anheim fallen muss.

Doch Richard Wossidlo, dessen Namen fast jeder Mecklenburger kannte, gebührt das Verdienst, mit seinem schon fanatisch zu nennenden Arbeitseifer einer der ersten überhaupt gewesen zu sein, die den Wert und den Reichtum der Kultur des einfachen Volkes, des „kleinen Mannes“, wie heute recht herablassend gesagt wird, erkannt zu haben. Seine Forschungen wurden nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland, sogar in Übersee anerkannt und haben seinen Namen in der deutschen Ethnografie zu einem Begriff werden lassen.

Heidemarie Frimodig